06.02.2012
Eine Publikation der Primus Verlag AG
 
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Wo der Himmel voller Geigen

Musikfestivals erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch bei Schweizern

Die Szene der klassischen Musik macht seit Jahrzehnten keine Sommerpause. Im Gegenteil, die Musik geht zu den Leuten. Oft an unüblichen Stätten, meist in den Alpen und touristischen Ikonen. Vorbei die Zeiten, als Festspiele der Saison-Verlängerung dienten. Heute tragen sie für viele einen nicht unwesentlichen Teil zum Ferienerlebnis bei. Und da Musik generell in ist, engagieren sich auch unzählige Sponsoren von internationaler bis lokaler Ausstrahlung. Ohne sie würde die Festival-Landschaft weit weniger üppig. Denn mittlerweile buhlen unzählige Events um die Gunst der Besucher.

Luzern – Ikone mit Weltausstrahlung
1938 hob Artur Toscanini erstmals den Taktstock vor einem eigens für ihn zusammengestellten Orchester. Unzählige Musiker fanden in den folgenden Kriegs-Jahren ein Podium für ihre Auftritte, das ist bis heute so geblieben. Das Lucerne Festival zählt heute weltweit zu den bedeutendsten seiner Art. Vom 12. August bis zum 18. August geben sich auch dieses Jahr wieder Interpreten und Orchester von absolutem Weltruf ein Stelldichein in einem Ambiente, das seit 1998 von Jean Nouvels KKL und dem einmaligen Konzertsaal geprägt ist. Dieses Jahr lautet das Thema, «Eros», was Gelegenheit bietet, Musik über Liebespaare wie Tristan und Isolde und andere zu programmieren. Die französische Starpianistin Hélène Grimaud tritt als resident artist mehrmals auf, auch als Kammermusikerin. Der Schweizer Dieter Ammann ist der composer-in-residence. Die Eröffnung wird – wie seit 2003 üblich – vom Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado gestaltet. Für ihn finden sich jeweils Solisten aus der ganzen Welt in einem Orchester zusammen. An fünf verschiedenen Orten in Luzern gelangen rund 50 Konzerte zur Durchführung, die unter dem Label (z)eidgenössisCH auch 25 Uraufführungen von Schweizer Komponis-ten umfassen.

In den Berner und Walliser Alpen
1958 musizierte der Geiger Lord Yehudi Menuhin erstmals öffentlich an seinem Sommer-Wohnort Gstaad. Seither ist die Musik Teil des regionalen Sommerangebots. 2010 lautet das Motto des Menuhin Festivals vom 16. Juli bis 5. September «Zwischen Himmel und Erde». Der ungarische Meisterpianist Andras Schiff ist als resident artist in verschiedenen Konzerten zu hören. Diese finden schwerpunktmässig in Kirchen statt, wobei der Pfarrkirche Saanen eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Seit mehreren Jahren führen bekannte Gastorchester in einem Zelt grössere sinfonische Werke oder Opern konzertant auf. Die ganze Region ist einbezogen, da der Kreis der Örtlichkeiten von Zweisimmen bis Châteaux-d’Oex reicht. Das thematisch reich gegliederte Angebot, das in der ersten Hälfte vor allem Kammermusik umfasst, wird heuer durch den erstmaligen Auftritt des neu gegründeten Gstaad Festival Orchestra am 13. August geprägt. Das Festival ist in der Region sehr gut verankert, unzählige Einheimische sind hinter den Kulissen im Einsatz.

Das gilt auch für das Verbier Festival, das 1994 vom Musik-Manager Martin Engström gegründet wurde. Im Unterwalliser Sportdorf wurde dank dem UBS-Sponsoring während Jahren mit der grossen Kelle angerichtet. Nach einer kurzen Durststrecke tritt 2010 die Bank Julius Bär als Hauptsponsor auf. Auch Verbier bietet ein eigenes Orchester an, das vorwiegend aus hoch qualifizierten Musikstudenten besteht und nach dem Abgang von James Levine vom Schweizer Dirigenten Charles Dutoit geleitet wird. Neu wird dieses Jahr während der Festivalzeit (16. Juli bis 1. August) ein Zelt mit einem Fassungsvermögen von 1750 Personen zur Verfügung stehen, das die anderen Spielorte ergänzt.

Regionale Leuchttürme
Seit 1946 finden in Ascona und Locarno im September die Settimane musicali statt, an denen das von der Auflösung bedrohte Orchestra della Svizzera Italiana massgebend auftritt. Und in Montreux-Vevey wurde nach einer längeren Auszeit letztes Jahr der Septembre Musical wieder belebt, der neben anderen Klangkörpern auch vom Orchestre de la Suisse Romande bestritten wird. Neben Montreux und Vevey stehen auch Konzerte in der Basilique Saint Maurice und im Château de Chillon auf dem Programm.

Im Oberwallis buhlen Ernen (seit 1974) und Zermatt um die Gunst der Klassikfans. Ernen, das sich stolz Musikdorf in der Schweiz nennt, wartet dabei jedes Jahr mit einem ebenso originellen wie attraktiven Programm auf. Dieses Jahr folgen sich Schlag auf Schlag eine Klavierwoche (11. bis 16. Juli), Barockkonzerte (18. bis 29. Juli) und das 24. Festival der Zukunft (31. Juli bis 12. August). Vom 17. bis 24. Juli leitet die Autorin Donna Leon ein Schreibseminar. Erner Konzerte sind jeweils auch in Brig und Martigny zu hören. Zermatt bietet immer wieder Trouvaillen im Bereich der  Interpretation von Kammermusik an, und dies auch auf der Riffelalp.
Seit 25 Jahren – in diesem Jahr vom 24. Juli bis 7. August – findet das Davos Festival statt, das unter dem Label «Young Artists in Concert» eine wichtige Plattform für junge Künstler bietet. Und seit 1941 finden im Oberengadin sommerliche Konzerte statt, dieses Jahr vom 9. Juli bis zum 15. August. Hier sticht die Auswahl der Konzert-Orte  ganz besonders hervor, finden sich doch aussergewöhnliche Orte wie die Halbinsel Chastè im Silsersee oder der Engadin Airport Samedan. Den Abschluss bildet ein Opern-Gottesdienst in Samedan, in dem die bekannte Compagnia Rossini Ausschnitte aus Rossini’s «Mosé in Egitto» vorträgt.

Die Oper geht ins Freie
Seit 1991 finden auf Initiative des lokalen Opernliebhabers Dino Arici in Solothurn auf der St. Urban-Bastion vor romantischer Kulisse Aufführungen mehrerer Opern statt, die bei schlechtem Wetter in die nahe Rythalle verlegt werden. International renommierte Interpreten wie Michèle Crider und Leo Nucci treten dieses Jahr zwischen dem 29. Juni und dem 10. Juli in elf verschiedenen Werken auf. Das begleitende Orchester stammt jeweils aus Europas Osten. Jährlich verfolgen über 10000 Besucher die Vorstellungen, die auch 2010 durch ein Gratiskonzert auf der St. Urseren-Treppe und eine Solistengala ergänzt werden.
Im römischen Theater von Avenches, das Platz für 6000 Zuschauer bietet,  wird seit 1995 jährlich eine Oper aufgeführt, die sich ganz besonders für diese Verhältnisse eignet. Diesmal ist es «Lucia di Lammermoor» in einer Besetzung, die äusserst viel versprechend ist. Die Vorstellungen finden in der Zeit vom 2. bis 16. Juli jeweils am Mittwoch, Freitag und Samstag um 21.15 Uhr statt. Eine Alternative bei schlechtem Wetter besteht nicht. Die Atmosphäre lauer Juli-Nächte im Städtchen Avenches und rund um die Arena erinnert in vielem an das Vorbild in Verona. Avenches ist für Besucher aus dem Mittelland wie aus der Romandie gut erreichbar.

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