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Wo der Himmel voller Geigen
Musikfestivals erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auch bei Schweizern
Die Szene der klassischen Musik macht seit Jahrzehnten keine
Sommerpause. Im Gegenteil, die Musik geht zu den Leuten. Oft an
unüblichen Stätten, meist in den Alpen und touristischen Ikonen. Vorbei
die Zeiten, als Festspiele der Saison-Verlängerung dienten. Heute
tragen sie für viele einen nicht unwesentlichen Teil zum Ferienerlebnis
bei. Und da Musik generell in ist, engagieren sich auch unzählige
Sponsoren von internationaler bis lokaler Ausstrahlung. Ohne sie würde
die Festival-Landschaft weit weniger üppig. Denn mittlerweile buhlen
unzählige Events um die Gunst der Besucher.
Luzern – Ikone mit Weltausstrahlung
1938 hob Artur Toscanini erstmals den Taktstock vor einem eigens für
ihn zusammengestellten Orchester. Unzählige Musiker fanden in den
folgenden Kriegs-Jahren ein Podium für ihre Auftritte, das ist bis
heute so geblieben. Das Lucerne Festival zählt heute weltweit zu den
bedeutendsten seiner Art. Vom 12. August bis zum 18. August geben sich
auch dieses Jahr wieder Interpreten und Orchester von absolutem Weltruf
ein Stelldichein in einem Ambiente, das seit 1998 von Jean Nouvels KKL
und dem einmaligen Konzertsaal geprägt ist. Dieses Jahr lautet das
Thema, «Eros», was Gelegenheit bietet, Musik über Liebespaare wie
Tristan und Isolde und andere zu programmieren. Die französische
Starpianistin Hélène Grimaud tritt als resident artist mehrmals auf,
auch als Kammermusikerin. Der Schweizer Dieter Ammann ist der
composer-in-residence. Die Eröffnung wird – wie seit 2003 üblich – vom
Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado gestaltet. Für ihn
finden sich jeweils Solisten aus der ganzen Welt in einem Orchester
zusammen. An fünf verschiedenen Orten in Luzern gelangen rund 50
Konzerte zur Durchführung, die unter dem Label (z)eidgenössisCH auch 25
Uraufführungen von Schweizer Komponis-ten umfassen.
In den Berner und Walliser Alpen
1958 musizierte der Geiger Lord Yehudi Menuhin erstmals öffentlich an
seinem Sommer-Wohnort Gstaad. Seither ist die Musik Teil des regionalen
Sommerangebots. 2010 lautet das Motto des Menuhin Festivals vom 16.
Juli bis 5. September «Zwischen Himmel und Erde». Der ungarische
Meisterpianist Andras Schiff ist als resident artist in verschiedenen
Konzerten zu hören. Diese finden schwerpunktmässig in Kirchen statt,
wobei der Pfarrkirche Saanen eine ganz besondere Bedeutung zukommt.
Seit mehreren Jahren führen bekannte Gastorchester in einem Zelt
grössere sinfonische Werke oder Opern konzertant auf. Die ganze Region
ist einbezogen, da der Kreis der Örtlichkeiten von Zweisimmen bis
Châteaux-d’Oex reicht. Das thematisch reich gegliederte Angebot, das in
der ersten Hälfte vor allem Kammermusik umfasst, wird heuer durch den
erstmaligen Auftritt des neu gegründeten Gstaad Festival Orchestra am
13. August geprägt. Das Festival ist in der Region sehr gut verankert,
unzählige Einheimische sind hinter den Kulissen im Einsatz.
Das gilt auch für das Verbier Festival, das 1994 vom Musik-Manager
Martin Engström gegründet wurde. Im Unterwalliser Sportdorf wurde dank
dem UBS-Sponsoring während Jahren mit der grossen Kelle angerichtet.
Nach einer kurzen Durststrecke tritt 2010 die Bank Julius Bär als
Hauptsponsor auf. Auch Verbier bietet ein eigenes Orchester an, das
vorwiegend aus hoch qualifizierten Musikstudenten besteht und nach dem
Abgang von James Levine vom Schweizer Dirigenten Charles Dutoit
geleitet wird. Neu wird dieses Jahr während der Festivalzeit (16. Juli
bis 1. August) ein Zelt mit einem Fassungsvermögen von 1750 Personen
zur Verfügung stehen, das die anderen Spielorte ergänzt.
Regionale Leuchttürme
Seit 1946 finden in Ascona und Locarno im September die Settimane
musicali statt, an denen das von der Auflösung bedrohte Orchestra della
Svizzera Italiana massgebend auftritt. Und in Montreux-Vevey wurde nach
einer längeren Auszeit letztes Jahr der Septembre Musical wieder
belebt, der neben anderen Klangkörpern auch vom Orchestre de la Suisse
Romande bestritten wird. Neben Montreux und Vevey stehen auch Konzerte
in der Basilique Saint Maurice und im Château de Chillon auf dem
Programm.
Im Oberwallis buhlen Ernen (seit 1974) und Zermatt um die Gunst der
Klassikfans. Ernen, das sich stolz Musikdorf in der Schweiz nennt,
wartet dabei jedes Jahr mit einem ebenso originellen wie attraktiven
Programm auf. Dieses Jahr folgen sich Schlag auf Schlag eine
Klavierwoche (11. bis 16. Juli), Barockkonzerte (18. bis 29. Juli) und
das 24. Festival der Zukunft (31. Juli bis 12. August). Vom 17. bis 24.
Juli leitet die Autorin Donna Leon ein Schreibseminar. Erner Konzerte
sind jeweils auch in Brig und Martigny zu hören. Zermatt bietet immer
wieder Trouvaillen im Bereich der Interpretation von Kammermusik
an, und dies auch auf der Riffelalp.
Seit 25 Jahren – in diesem Jahr vom 24. Juli bis 7. August – findet das
Davos Festival statt, das unter dem Label «Young Artists in Concert»
eine wichtige Plattform für junge Künstler bietet. Und seit 1941 finden
im Oberengadin sommerliche Konzerte statt, dieses Jahr vom 9. Juli bis
zum 15. August. Hier sticht die Auswahl der Konzert-Orte ganz
besonders hervor, finden sich doch aussergewöhnliche Orte wie die
Halbinsel Chastè im Silsersee oder der Engadin Airport Samedan. Den
Abschluss bildet ein Opern-Gottesdienst in Samedan, in dem die bekannte
Compagnia Rossini Ausschnitte aus Rossini’s «Mosé in Egitto» vorträgt.
Die Oper geht ins Freie
Seit 1991 finden auf Initiative des lokalen Opernliebhabers Dino Arici
in Solothurn auf der St. Urban-Bastion vor romantischer Kulisse
Aufführungen mehrerer Opern statt, die bei schlechtem Wetter in die
nahe Rythalle verlegt werden. International renommierte Interpreten wie
Michèle Crider und Leo Nucci treten dieses Jahr zwischen dem 29. Juni
und dem 10. Juli in elf verschiedenen Werken auf. Das begleitende
Orchester stammt jeweils aus Europas Osten. Jährlich verfolgen über
10000 Besucher die Vorstellungen, die auch 2010 durch ein Gratiskonzert
auf der St. Urseren-Treppe und eine Solistengala ergänzt werden.
Im römischen Theater von Avenches, das Platz für 6000 Zuschauer
bietet, wird seit 1995 jährlich eine Oper aufgeführt, die sich
ganz besonders für diese Verhältnisse eignet. Diesmal ist es «Lucia di
Lammermoor» in einer Besetzung, die äusserst viel versprechend ist. Die
Vorstellungen finden in der Zeit vom 2. bis 16. Juli jeweils am
Mittwoch, Freitag und Samstag um 21.15 Uhr statt. Eine Alternative bei
schlechtem Wetter besteht nicht. Die Atmosphäre lauer Juli-Nächte im
Städtchen Avenches und rund um die Arena erinnert in vielem an das
Vorbild in Verona. Avenches ist für Besucher aus dem Mittelland wie aus
der Romandie gut erreichbar.

